Sonnenwenden. Ágnes Nemes Nagy

Die Verse der ungarischen Lyrikerin Ágnes Nemes Nagy ( 1922-1991) schillern wie Seeraupen, sind unterwürfig, ohne erlegen zu sein, weiden sich, perlen, stürzen Täler hinab und vibrieren unter der Waghalsigkeit, sich einem Gott zu nähern wie in dem Zyklus „ Aus Echnatons Aufzeichnungen“: „Etwas müsste ich doch / gegen die Qual tun. / Einen Gott müsste ich schaffen, / der droben säß und sehend sähe. //“. Oder „Als ich Gott behaute, / hatte ich harte Steine ausgesucht , / härtere als mein eigener Körper, / um Ihm zu glauben, wenn Er mich tröstete.“ Diese Gedichte fordern enormen Raum, haben etwas von einem über eine Weide stürmenden wilden Pferd. Dann wieder bleiben sie verhalten, suchen Schutz unter dem Flügel eines Adlers, mit ihrer Geradlinigkeit, mit ihrem Geerdetsein. Die Poesie ist souverän bis in die Spitzen der Schatten. Und sie ist apart in Klang und Wesen: „ Das Krachen der Felsen. / Wie die gläsernen Erze der Sonne / fast zu Metall den Stein werden lassen, / den Tieren, die auf ihn treten, rauchen die Klauen, / und über der Felsmauer kreisen / die Rauchbänder brennender Hufe, / dann Nacht in der Wüste,“. Diese bizarren Szenarien aus dem Zyklus „Dazwischen“ brennen über silbernen Minuten „Zwischen Himmel und Erde“, werden zum Epos, das in den Kern der Poesie vordringt. Er ist kraftvoll und sicher bei dieser Lyrikerin und gut aufgehoben auch in den Gedichten vom Geysir, dem Sturm oder der See etwa. Poetische Eruptionen sind das, die die Vergänglichkeit auszusparen scheinen. An ihrem Kristallisationspunkt aber fließt kühles Licht, das immer wieder eher kantige Silhouetten sichtbar werden lässt. Dabei ist die Sprache nicht ohne Magie, wenn diese auch eher gemäßigt erscheint wie in dem Gedicht „Lazarus“:

„Als er sich langsam erhob, fühlte / in allen Muskeln er Schmerz um die linke Schulter herum. / Sein Tod wurde, wie Gaze, niedergerissen. / Denn aufzuerstehen ist ebenso schwer.“

Die couragierte Agnes Nemes Nagy, die als bedeutendste ungarische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts gilt, war während des Holocaust gemeinsam mit der Mutter von ihrem Ehemann, dem Literaten Balázs Lengyel, und Geschwistern an der Rettung zweier Jüdinnen beteiligt. Neben der Produktion ihrer eigenen Gedichte übersetzte sie auch Lyrik und Dramen von Jean Racine, Molière und Victor Hugo aus dem Französischen ins Ungarische und aus dem Deutschen Rainer Maria Rilke, Bertolt Brecht und Friedrich Dürrenmatt. Unter anderem wurde sie 1997 als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet.

Julia Schiff hat in Zusammenarbeit mit Peter Gehrisch die für diesen zweisprachigen Band ausgewählten Gedichte aus dem Ungarischen ins Deutsche übertragen. Dabei handelt es sich sicherlich um eine fabelhafte Übersetzung. Dennoch, die Sehnsucht, die Verse aus dem Original heraus zu verstehen, bleibt, und diese Sehnsucht ist groß.

Den „Sonnenwenden“ ist ein sehr imponierendes Nachwort von Gyözö Ferencz beigefügt.

Sonnenwenden. Ágnes Nemes Nagy. Pop Verlag. Ludwigsburg 2021

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