Aire. Birgit Kreipe

Die Gedichte von Birgit Kreipe sind wunderbar betäubte Exzesse, ein Unterwasseralphabet, das eigenwillig zelebriert, den „aalkönig (evolution der fische)“ etwa oder die „evolution der schatten“. Die Lyrikerin inszeniert Zwischenreiche, an deren Pforten die Leser und Leserinnen in einen starken Sog geraten. Dabei legen sich die Verse wie Tentakel um die Phantasie, befruchten, berauschen, faszinieren. Diese Dichtung ist grandios: „ist da eine tür, blättert sich ein körper / aus der tapete, die in fetzen herabhängt? / oneiroide, seelen aus wasser. milchtür / von der die farbe in hellen pusteln abplatzt. //“ Nichts ist gerissen, nichts gebrochen, alles flimmert in schöner Ebenmäßigkeit im Changieren des Durchsichtigen: „leere, eine wunde aus luft,“.

Birgit Kreipe paart Bilder, die wie selbstverständlich ineinander strömen. Daraus schafft sie eigene Wirklichkeiten, die sich in dem für uns Wahrnehmbaren verjüngen. Meines Erachtens ist Lyrik das einzige Genre, in dem so etwas überhaupt glaubwürdig gelingt. Und hier findet es seine Meisterin, die geradezu philosophiert mit der Mehrschichtigkeit, den Verästelungen mit dem Du, dem Begegnungen zuwachsen mit der belebten als auch unbelebten Welt und den Gegenständen: „schnürsenkel, die sich verfangen, turnschuhe / baumeln an ästen, wind als verfolger, fünfköpfig / stoppt dich mit einer hand. wolltest du / ins zitronenland? spür wie du wächst //“. Das Gewebe ihrer Sprache schillert, ist extrovertiert, ambitioniert, dabei elfenleicht. Was für eine herrliche Ambivalenz: „ein kind von spiralnebeln, dunkler materie, tritt ein grüner, noch / unreifer stern in den herbsthimmel ein. die kisten sind leicht, was ich / jetzt noch berühr. dachhaut und wände träumen, treten zurück / deine / teller, angestoßen wie lange freundschaften. die lampen, lichtkrempen, /“.

Bemerkenswert ist, dass das Metaphysische, wenn es es denn überhaupt gibt, in der gängigen Betrachtungsweise, eher als Fremdkörper erscheint. Die Poesie des Surrealen ist an seine Stelle gerückt, nicht minder geheimnisvoll aber durchaus begehbar. Und das ist der Vorteil. „Aire“ ist der Kondensstreifen einer Spiegelung von „lappland im winter“, „lappland im sommer“ oder dem Werk der Fotografin Francesca Woodman: „der eine kohlweißling, der das feld / überquert, wird meister der blumen, höre ich / idol, gottesfalter und großer clown. / er filtert mit seinen flügeln das licht //“.

Die Sprachbilder sind wie leidenschaftlich hingeworfene, impulsive Skizzen, die sich in abstrakten Gemälden zu erkennen geben. Sie fordern Raum, scheinen kaum getrocknet, frisch, neu, jungfräulich und tragen doch uralte Erfahrungen, Wissen, aber auch Wissbegier, die in den Schweigezonen liegt, den Absätzen: „der dezember ist ein nashorn. / gewaltig steht er im knochenlicht der gräser und sträucher / die lauscher sind aufgerichtet, der knubbelige panzer / in falten. blinzeln, blitzen aus wulstigen lidern.“

Das filigrane Getriebe in den Turbulenzen der Phantasie dieser Lyikerin ist geradezu imposant poetisch. Es ist hellwach und hat dennoch das Gesicht des Traums. Es fließt in unseren Blick wie ein zarter, bunter Nebel, ein höflicher Hauch. „es müssen geister sein. folge ihnen erst recht. / eine gefiederte stadt, viele augen, landet. / gischt sprüht an den pfählen. in ihren / regenbögen, nebensonnen //.“

Nach der Lektüre füllt „Aire“ den Raum. Man kann gar nichts dagegen tun. Der Text überwältigt.

Aire. Birgit Kreipe. Kookbooks 2021

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