Überall, wo wir Schatten warfen. Ingrid Mylo

Ingrid Mylo spielt mit der Ambivalenz der Sinne, die mal verwerfen, dann wieder am Leben halten, verbergen, finden, träumen, lieben und trauern. Poetische Nachtkerzen sind so entstanden, die das Morgenlicht schwer macht: „Er wollte dein Lachen, aber / die Lieder, die er dir schenkte, / waren den Spinnweben gleich / abgestreifte Umarmungen, waren / Verzicht. (…)“.

Die Geradlinigkeit der Texte balanciert sanft und weich zwischen Glück und Elend: „Kämm aus meinem Herzen die Worte, / zerdrück sie auf dem Boden im Flur /“. Die Mischung der Themen, die dieser Band versammelt, ist extravagant im besten Sinne. Die Beerdigung des Bruders, die Oktobernacht, ein Frauenhaar etwa – nur ein kleiner Ausschnitt eines breiten Spektrums – bilden die poetische Hemisphäre und erleben jeweils in angenehmer Weise Verdichtung. Dabei sind die Texte in höchstem Maße aufmerksam. Die Lyrikerin legt Wert auf gut schraffierte Nuancen, die sich in poetischen Exzessen wunderbar entladen. Das ist gekonnt und zeugt von brillanter Raffinesse, die staunen lässt: „Weiter nach Süden, / vertrocknete Maisfelder, wieder und mehr, / hellbraune Borsten, nach oben gestreckt: / der Himmel wird im Dahinfahren gestriegelt, / bis sein Blau glänzt.“

Der Grablegung der Bedürfnisse folgt deren Auferstehung. Die Gedichte fordern den Schnee heraus eines bedrängten Winters, bis er in großen Flocken fällt. Dabei oszellieren sie, sind Wechselblüter, verzichten auf einen harmonischen Schutzraum. Dennoch sind sie durchwoben von einem homogenen Rhythmus, der an den Wellenschlag eines Meeres erinnert, über dem allerdings immer wieder auch Gewitter heraufziehen. Deshalb sollte man ihre Explosivität nicht unterschätzen: „(…) Die Schwäne, die du / herantreiben siehst vom Rand / einer anderen Kindheit, verwischen / den Abstand zum Grab.“

Besonders beeindruckt die schlichte Schönheit der Verse. Sie scheint elementar, als Geschenk eines langen Reifungsprozesses. Sie macht deren Mentalität so herrlich erhaben. Die Gedichte erinnern an Junistaub, der über den Lavendelfeldern der Provence im Sonnenlicht flimmert. Er legt sich um die Macht des Blühens wie eine Ernte. Ingrid Mylo bewacht diese Ernte, die Weisheit gesogen hat, die sich nicht aufdrängt, sondern schwebt. Das ist nur ein eindrucksvolles Geheimnis dieser Dichtkunst.

In sensitiver Weise wachsen die Gedichte dadurch über das Papier, färben es dunkelrot, sonnengelb und indigo, „Überall, wo wir Schatten warfen“ und diese Schatten sind bunt, das ist ihre eigentliche Wirklichkeit, ihr eigentlicher Wert. In herausragender Weise wird das in diesen Texten plastisch gemacht. Nur gute Dichtung kann die Wirklichkeit in ihrer reinen, nicht empirisch erfahrbaren Form angemessen abbilden, ein imaginiertes Ambiente schaffen, nach dem sich jeder Mensch, der Teil dieser reinen Wirklichkeit ist, auch sehnt. Ingrid Mylo ist eine Lyrikerin, die dorthin zu entführen versteht und dies in überaus überzeugender Weise: „Die Chinesen, heißt es, / lesen die Zeit / in den Augen der Katze. / Wer hätte je versucht, / in der Stille des Sees / auf jene Stunde / zu deuten, / in der der Stein / versank?“

Man muss sich auf solche Welten einlassen, die Sinne strecken, um an seinen eigenen Ursprung zu kommen. Sie sind die Abenteuer der Wahrheit.

Überall, wo wir Schatten warfen. Ingrid Mylo. edition AZUR im Verlag Voland & Quist. Berlin und Dresden 2021

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