Schräg am Federbug. Leo Pinke

Die Gedichte von Leo Pinke sind kryptisch schön und pulsieren in einem feinen, zurückhaltenden Rhythmus ins lyrische Nirwana. Dies mit einer erstaunlichen Wucht und Schärfe: „Einsam legiert abwesendes Leben / das Kupferstück in der Hand – / “. Mit Akribie ist auch die Natur darin handverlesen wie die Zweige der zwischenmenschlichen Räume und ihrer Intarsien: „Nur die Blätter richt´ ich immer nach der Sonne. / Dass dein Fehlen lebe, wie die Aorta rauscht, /“.

Dieser Lyriker arbeitet mit unserem poetischen Gewissen, das ein Gespür hat für die Infantilität des Tragbaren, ohne die plakative Schablone anzulegen. Niemals überzeichnet er das Erlebbare und Erlebte, die Alltagsvisionen, die uns hautnah entgegen fallen. Ein stiller, junger Atem geht an den Melodien ihrer Sekunden: „Ob die Gezeiten / und ihre Weite / im leeren Raum nicht / reichen bis an mein / junges Erstaunen.“ Leo Pinke scheffelt keine Ereignisse. Er sortiert sie in einer vielerlei umfassenden Kollektion. Dadurch scheinen die Verse verlässlich, bei aller fragilen Rätselhaftigkeit, was beruhigt beim Lesen: „Dass dir Steine von den Lippen regnen, / Augengneise, dass sie gründen / das Gewölbe unterm Schlüsselbein: / / “. Die Halswirbel der Texte sind stark und überraschen in ihrer tiefgründigen Authentizität: „Über dort oben, / wo kein Ohr oder Ort, / weist es zurück / ins Medusenhaupt.“ Immer wieder setzt dieser Dichter solche lyrischen Schlüsselreize, die man gerne auch durch andere Gedichträume trägt: „Dein Türknallen, / und das Haus läuft voll / vor lauter Leerstand. // Die vorbereitenden Gesichter, ihr Versehrtes / mit Bleigürteln in die Gemächer schleppen, / im blasigen Tang ihre Küsse erwidern, / bei Seegang bis an den Stunck. // Mit geschlossenen Augen / klingt ihr blubberndes Stöhnen / nach gezogenem Stöpsel.“ Dennoch bleiben diese wunderschönen Gedichte sehr geheimnisvoll. Das Herz ihrer Horizonte lässt sich nur erahnen, bleibt terra incognita, weithin und darüber hinaus ein Spielfeld für die Phantasie, die träumt und schwärmt, sucht und immer neues unvermutetes Gestein entdeckt, in einem Bach dieser ineinander verschachtelten Illusionen. Das macht die Lektüre kurzweilig und hinreißend zugleich.

Gerne stellt Leo Pinke einzelnen Gedichten Zitate voran von Louise Labé oder Francis Ponge etwa oder Arthur Rimbaud, die die Texte überschreiben gewissermaßen. Sie wirken wie wissende Ornamente und ergeben mit dem jeweiligen Gedicht einen interessanten Spannungsbogen. Jener aber hält zugleich im Ungewissen über die wagen Annahmen darüber, was den Lyriker bewegt haben könnte, den darauffolgenden Text zu schreiben. Die feine Seide dieser Spekulation überzieht das Leseerlebnis und gibt ihm eine weitere anregende Dimension.

Dies Lyrikdebüt ist phänomenal und exzentrisch im besten Sinne. Bleibt zu hoffen, dass Leo Pinke auf diesen Pfaden bleibt und nachlegt.

Schräg am Federbug. Leo Pinke. Matthes&Seitz. Berlin 2021

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