Lederjackenwetter. Frída Ísberg

Die Gedichte von Frída Ísberg sind wie wilder, herber Wein. Dabei ungeheuer aufrichtig und authentisch. Es dominiert eine eher verborgene Poesie, die allerdings ein gehöriges Volumen hat, um zu überzeugen: „der mensch wächst / nicht wie ein baum / sondern wie eine wiese //“. Der Stoff ist solide: die Lederjacken, der Obdachlose, der Aberglaube, der Spiegel, das schwarze Loch, der Mundwinkel. Das schafft klare Konturen, die den Versen, die Hybriden sind zwischen Essentiellem und Dichtung, eine enorme Sogkraft verleihen: „du reißt dir die pflaster ab / gehst unter menschen mit offenem hemd bis hinunter zur brust / und sagst: seht, hier ist ein schwarzes loch // ein unersättliches schwarzes loch / das sich nur eines wünscht // die anerkennung derer / die sie nicht schenken“. Obendrein sind die Strukturen stets glasklar. Und der Klangkörper ist stromlinienförmig. Es werden keine Abschweifungen geduldet, das fesselt mit starken, bunten Bändern: „der zweifel ist eine motte / im wandteppich deiner großmutter // du musst ihn vergiften // du musst genauso unmissverständlich sein / wie ein gespaltenes kinn //“.

Die Verse sind jung, kraftvoll und baden in Dynamik, die sich auf den Leser und die Leserin überträgt. Und sie liegen wie saftige Orangen in der Hand: „es ist ein leichtes spiel / für ein fragezeichen // unter einer lederjacke / aus schwarzen punkten zu schlüpfen“.

Die Lederjacken, immer wieder tauchen sie auf. Sie sind Schlüsselreize, die die Membranen der Sensibilität härten und tarnen. Dies um den Kristallisationspunkt der Empfindsamkeit zu finden: „ich möchte einen hilfsfonds gründen / zugunsten der empfindsamkeit / genug sammeln so dass / die empfindsamkeit endlich eine stärke sein darf // eine blassbleiche / aderblaue schönheit“. In herausragender Weise gelingt dies gerade über die Spiegel des Profanen und sein Wirkgemächte auf das lyrische Ich, das darin seine steilen Ufer finden muss, was seinem Zartgefühl geschuldet ist. Wir können es beobachten, das Selbst, wie es mit seiner Umgebung spielt. Es ist sein eigenes inneres Kind, das verwoben ist mit einem starken Überlebenstrieb. Ein Tanz offenbart sich so in hinreißender Weise, ein Tanz zwischen Mimose und Ritter. Wer führt? „da ist nichts / was man einen verletzlichen dichter nennen könnte // wenn er sich den sprecher des gedichts überzieht / wie eine lederjacke“.

Die Gedichte der 1992 geborenen, jungen isländischen Lyrikerin tragen weise Spuren an ihrem überaus souveränen Horizont. Das ist beachtlich. Da ist nichts, dass zögert, auch nichts, dass hadert. Man kann den Grundannahmen der Texte vertrauen. Wen überrascht es da, dass sich das lyrische Ich letztlich mit Gedichten schützt und nichts außerdem. So wird aus dem zarten Fohlen ein schönes Pferd, das über seine Weide prescht, den Frühlingswind in der Mähne.

Wolfgang Schiffer und Thor Gíslason haben die Gedichte aus dem Isländischen ins Deutsche in einfühlsamer Weise übertragen.

Lederjackenwetter. Frída Ísberg. Elif Verlag. Nettetal 2021

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