Rote Spindel, schwarze Kreide. Märchen im Gedicht

Märchen, tief sind sie in den Adern unserer Seele verankert, ebenso die Sehnsucht nach der Wahrnehmung des Irrealen, des doppelten Bodens der Wirklichkeit. Davon nicht weit entfernt keimt auch ein Herzstück der Dichtung. Die Fusion aus beidem, aus Märchen und Gedicht, schafft so Räume mit einer ganz eigenen, tief inspirierenden Impulsivität. Diese „Märchengedichte“ haben Birgit Kreipe und Ron Winkler in einer herrlichen Anthologie aus mehr als einem Jahrhundert zusammengetragen, wobei das älteste von C. F. Meyer aus dem Jahr 1880 stammt. Dennoch, die modernen Texte dominieren deutlich. Die Wirkung dieser Lektüre ist phänomenal zu nennen, denn die Märchengestalten erleben in der Poesie eine Art Wiedergeburt, die atemberaubend nah an uns heranrückt, was sie in ihrer Überzeitlichkeit betont. Als sei alles neu Erzählte aus Fleisch und Blut: „ein name für / obstgärten, in / kindererde ge / pflanzt:“, heißt es in dem Gedicht „Melusine“ von Kiev Stingl. Die Gedichte sind wie warme Formen, die sich im Schneetreiben abbilden. Immer wieder geben sie den Momenten Weisheit, was sie kostbar macht. „ich trage in meiner Mitte ein Gefäß / ich Gefäß im größeren / drei Mal wird der Wind der Husar / in mich fahren mich brechen / und suchen / mir mein Geheimnis zu entlocken – “ ( aus „König Drosselbart“ von Anke Bastrop).

Alles wirkt sehr erlesen. Mit großer Sorgfalt wurde ausgewählt. Das ist unverkennbar. Und in phantastischer Weise offenbart sich, dass es eigentlich eine Symbiose ist, die Poesie und Märchen aneinander bindet. Jene ist zauberhaft und unbestechlich. Und unwiderstehlich für jene, die sich diesen magischen Labyrinthen öffnen, ohne das Staunen zu verlieren, auch über die „schneekönigin“: „die königin. sie war klein gewesen, ihre scherbenkrone grünlich / wie die freiheitsstatue. man vermisste sie nicht / man erinnerte hunde, gezähmte schneeflocken / die auf knopfdruck bellten. man richtete eine petition / an den winter. eine ehrliche haut. sein versprechen weiß. /“( Birgit Kreipe).

Die einzelnen Märchenfiguren haben an Reife gewonnen in den modernen Texten. Wen wundert es, sind sie doch durch Jahrhunderte geschlüpft. Dennoch bleiben sie Larven, Larven der Phantasie. Erst im Prozess des Lesens werden sie zu Schmetterlingen. Und diese sind ungeheuer raumfüllend.

Entlassen haben sie Dichter und Dichterinnen wie Paul Celan, Georg Trakl, Karl Krolow, Silke Scheuermann, Hendrik Rost, Kerstin Hensel, Elke Erb, Sarah Kirsch, Ulrike Almut Sandig, Rose Ausländer, Dincer Gücyeter und viele, viele andere mehr in diesem pittoresken Kompendium. Dichterinnen und Dichter mit so exzellenter Lyrik wie jener von Angela Sanmann: „nenn mich rapunzel mir wachsen die haare / zum fenster hinaus in den garten umgarnen / die bäume bis zum fenstersims bin ich schön / gebürstet gekämmt man vergaß eine schleife /“. Sie extrahiert geradezu das Phänomen Märchen, das sich daraufhin wie ein lang vermisstes Kind in die Erlebniswelt webt. Glänzend inszeniert ist dies, wie so vieles in diesem Band um Schneewittchen etwa, die Schneekönigin, Hänsel und Gretel, Melusine und Sindbad.

Und man wird den Eindruck nicht los, dass die Märchen Überläufer sind, um sich wieder in das Gedächtnis zu bringen, als tragendes Wissen. Sie haben sich an der Lyrik emanzipiert und stellen ihr Licht nicht unter den Scheffel. Sie sind tragbar in diesen außergewöhnlich schönen, bildintensiven Texten. Und sie sind stark und kraftvoll, wobei die Essenzen unberührt bleiben wie scheue Nachtigallen. Sie können immer wieder neu gedacht werden, was sie unsterblich macht wie die Poesie selbst. Auch wenn die Lyrik ein Schattendasein führt auf dem großen Buchmarkt. Sie wird mit ihrer intensiven Stille vieles überleben, was heute laut und hoch gehandelt wird. Es war einmal ein wunderbares Gedicht …

Rote Spindel, schwarze Kreide. Märchen im Gedicht. edition AZUR im Verlag Voland & Quist. Berlin und Dresden 2021

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