Clarté Notre Dame. Philippe Jaccottet

In diesem herrlichen Band fließen Prosa und Gedichte in einem Zyklus zusammen. Das Herzstück bilden die beiden letzten Manuskripte des am 24. Februar 2021 verstorbenen Philippe Jaccottet „Le dernier livre de madrigaux“ und „La Clarté Notre Dame“. Letzteres verkörpert ein abschließendes poetisches Begehren, das auch die Kindheitserinnerungen mit einschließt sowie auch die Kriegsschrecken der Gegenwart. Provoziert wird es durch den Glockengang dieses alten Domenikanerinnenklosters Clarté Notre Dame, das in der Nähe liegt von Grignan, wo der Dichter seit 1953 lebte.

Wie der Faltenwurf eines schönen Rockes schmiegen sich die changierenden Reflexionen infolge dieser Töne in den Text. Dabei entbehren sie gänzlich des religiösen Dogmas. Sie kommen ohne es aus und befördern dennoch einen starken Moment der Transzendenz, unaufdringlich und herrlich frei. Er folgt den eigenen Gesetzen des Dichters, die sich in einem langen Leben individuell herausgebildet haben. Deshalb sind sie schillernde Unikate, die sich wie kostbare Steine in den eigenen Horizont fügen lassen, der die letzten Fragen berührt. Bevor Stimme und Schaffen Philippe Jaccottets versiegt sind, ist so ein poetisches Testament entstanden, das sehr berührt. Das Flimmern und Flackern am Ende der Endlichkeit. Es geht um den spärlichen Glanz des Todes, die Physiognomie des Übertritts, die letzten Etappen des großen französischen Dichters. So räsoniert er über seinen Freund André du Bouchet, zu deren Trauerfeier er sprechen sollte. Seine Gedanken verweben sich mit dem in Truinas einsetzenden Schneesturm, in dem die Worte beginnen und sich verlieren: „(…) Gegenwart, Gewicht, Dichte dieses Stücks Welt sind unmöglich in Zweifel zu ziehen; und andererseits ist auch das Ereignis der Beerdigung selber, auf seltsame Weise „wahrer“ geworden, wahr wie diese Steine und dieser Morast, durch das vollkommene Fehlen jeder Zeremonie (…)“.

Die Brandung des Todes. Philippe Jaccottet glättet ihre Wellen in seinen poetischen Texten. Der Tod wird darin als Schauspiel genommen, das immer in seiner Natürlichkeit betont werden muss, Erhabenheit krönt und „Das Edelmütige“ inkarniert. Philippe Jaccottet steht zur Zeit der Niederschrift dieser Texte, 94jährig, am Beginn dieser Erhabenheit, als sei Endlichkeit auch nur eine Sicht auf die Dinge. Wir steigen durch den Palast seiner Gedanken und werden in vorzüglicher Weise in unseren Urängsten beruhigt, durch seine Neugierde, sein Kinderstaunen, seine tiefe Weisheit, die justiert sind auf die Mitte seines Seins. Dafür hatte Philippe Jaccottet Wegbegleiter, neben André Bouchet sei hier auch Friedrich Hölderlin zu nennen, der sich immer wieder zitiert findet, in diesen warmen, wachen Texten, die mit weichem Flügelschlag Seelennähe suggerieren und frische, starke Spuren hinterlassen. Nicht nur auf die Prosa, sondern auch auf die Gedichte dieses Bandes trifft das zu. Sie erinnern an die Bilder von Marc Chagall: „und die Feigen hängen im Laub wie schwere Glocken, / prallvoll mit dem Samen des Widders.“

Allesamt sind die Gedichte wie Trophäen, Trophäen der Poesie, die sich aus bunten Scherben fügen, die aus allen Himmelsrichtungen fallen. Alles scheint ohne Zweifel und ist in einem kristallinen Höchstmaß selbstbestimmt wie ein offener, erlesener Traum, mit atemberaubenden Sprachbildern, in denen die Süße von Taubnesseln liegt: „Bienen, kommt her, bestickt mit Glut diese Kleider / oder die Lider, oder die Lippen, oder den Hals, //dann, weniger heiß, doch nicht weniger golden. / schwärmt aus über die ganze Seide der Nacht.“ Man verliebt sich in diese aparten Klangschalen, die oft genug naturnah daherkommen und die Bezirke des Daseins in magischer Weise kosmisch ausreizen und nicht nur jene des lyrischen Ichs: „Betrachtet ihn, den Sonnenhimmel, / zur Stunde der äußersten Glut: / Hier gilt es für uns überzusetzen. // Boote kreuzen in diesem Lichtersee. //“.

Wir sind immer vom Tode bedroht und umgeben. Das ist unser weißer Traum, der uns begleitet wie das Sonnenlicht. Philippe Jaccottet hat ihm mit diesem wunderbaren Vermächtnis eine poetische Form gegeben, die sanft ist, still und fragil, sich aber unaufhaltsam in die letzte Nacht senkt. Dieser Dynamik lässt sich weder widersprechen noch entfliehen, weil alles an ihr Weltgesetz ist.

Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben die Texte, die in der Edition Petrarca erschienen sind, ins Deutsche übersetzt. Die Herausgeber dieser Edition sind Hubert Burda, Peter Hamm (+), Peter Handke, Alfred Kolleritsch (+) und Michael Krüger.

Das Titelbild ziert ein einfühlsames Aquarell von Anne-Marie Jaccottet.

Clarté Notre-Dame. Gedichte und Prosa. Philippe Jaccottet. Edition Petrarca. Wallstein Verlag 2021

5 Kommentare zu „Clarté Notre Dame. Philippe Jaccottet

      1. ja, liebe kerstin, das leuchtet mir absolut ein!
        mit den rezensionen machst du dann aber andere glücklich, gibst etwas weiter.
        das ist auch gut!

        herzlichen gruß,
        pega 🙂

        Gefällt mir

      2. Ja, Lyrik hat für mich einen sehr hohen Stellenwert und ich liebe es auch, über die Lyrik anderer zu schreiben, für die ich mich begeistern kann. Und wenn man sich darüber freut, finde ich das besonders schön.
        Ich möchte meine Begeisterung ja auch teilen.

        Liebe Grüße

        Gefällt 1 Person

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