statt einer ankunft. Ulrike Bail

Das lyrische Ich ist unterwegs in Luxemburg zwischen den Bus- oder Tramhaltestellen der Linien binnchen – parc de l´europe und aéroport – val fleuri, aber auch an den arrêts supprimés, den aufgehobenen Haltestellen. Die einzelnen Stationen haben in den von ihnen inspirierten Texten etwas von Sternen einer neu zu entdeckenden Galaxie: „im regenspiegel der stadt / zerfällt mein gesicht in lichter /“. Die Orte, denen diese feine Lyrik erwächst, sind alltäglich, bodenständig, geerdet. Das intensive Gewebe dieser Poesie, das Ulrike Bail über die Verortung gespannt hat, scheint ein geheimnisvolles Karma zu bergen, auch wenn die Gedankenbilder wie unwillkürlich daherkommen, was ihnen etwas Spielerisches, zuweilen Traumtänzerisches gibt, kostbar allemal, mit einer Wahrnehmungsrhythmik, die etwas von einem venezianischen Fächer hat, der auf– und abgespannt wird. Auch Skurriles findet dabei zarten Platz, wenn ein längst Verstorbener an der Haltestelle wartet, mit „einem strauß blumen im arm“.

Der Übertritt des Details in die Räume des Inneren wird gefeiert in diesen kleinen großen Gedichten. Und dies im besten poetischen Sinn. Dabei scheint der Prozess der Wortfindung seidenweich, mit Rücksicht auf die Nuancen. Geraten sie zufällig in den Blick oder werden sie gesucht? Die Frage kommt auf beim Lesen dieser Verse, die so filigran sind, dass sie die Antwort in der Schwebe halten: „beim passieren der haltestelle / albert borschette verfängt sich / der blick zwischen den stäben / eines riesigen vogelkäfigs / verknüpft leere und flügel / die geöffnete tür //.“

Das lyrische Ich bleibt vor allem ein Nomade der Phantasie. Die permanten Ortswechsel in diesem Lyrikband korrespondieren mit dieser Erkenntnis, die doch so naheliegend ist. Immer sind auch wir auf Reisen in unserer Phantasie. An die Stelle der „ankunft“ tritt das Unterwegssein. Der Duktus ist mal erregt, mal wohltemperiert, wie in diesen Texten, die eine sehr talentierte, wachsame Dichterin geschaffen hat: „führe ich dorthin stiege aus bei avenir/ folgte dem bogen der straße / dem stürzenden wald / aufgestanzt die hoffnung ich könnte / sie öffnen dir wieder spannen /“. Die schön geformte Unruhe widersetzt sich letztlich dem Tod. Vielleicht gerade deshalb wirken die Gedichte wie magische Impulse. Dabei sind sie bildträchtig auf engstem Raum. Die hohe Konzentriertheit erschließt sich Erfahrungsräume, die exzellent durchbuchstabiert werden, vordergründig mit dem Nötigsten auszukommen scheinen, dann aber in weite Sphären vordringen, die staunen lassen: „den winter im mund durch die leere / stadt fahren in der hand den ausgesperrten atem / gebete wie einwegtücher oder gestrüpp /“.

Dennoch wird er nicht ausgelassen, der Tod, ist vor allem auch Thema an den arrêts supprimés, die sich als eigentliche Trauerorte entpuppen, die das lyrische Ich einfordert vom öffentlichen Nahverkehr.

Alles in allem ist dies eine bestechende Poesie urbaner Bewegungen, feinfühlig, konsequent und wunderbar ästhetisch: „den sitz neben mir halte ich frei / geister nehmen platz / zitternd leicht“.

statt einer ankunft. Ulrike Bail. Conte Verlag. St. Ingbert 2021

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