Werkstattbericht

Am gestrigen Adventssonntag habe ich meinen Gedichtzyklus „Chagalls Traum“ beendet. Die flimmernden Bilder zwischen Wahn, Wirklichkeit, Kunst und dem Nichts sind in Worte gebannt. Das Ende eines Gedichts, ich kann es nicht voraussehen. Es findet immer mich. Es ist nicht planbar, ich weiß nur, wann es da ist. So ging es mir auch mit diesem Zyklus. Auf einmal war er da, der letzte Punkt, war alles gesagt zu den Bildern in meinem Innersten, die aufgewirbelt wurden. Der Sturm ist vorüber. Es wird neue Stürme geben. Mein Schaffensdrang ist groß. Ich bin hungrig, jeden Tag, nach lyrischem Ausdruck. Manchmal macht das unruhig. „Ruhe gibt es nicht“, das hat ein Schriftsteller gesagt, an dessen Name ich mich nicht mehr erinnere.

Ich sehe in das Kerzenlicht auf der Fensterbank. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, es immer in den Morgenstunden, während der Adventszeit, zu entzünden. Auch seine Wasserzeichen, in denen ich meine Schrift finde, sind fordernd. Schreiben ist Leiden, so sehen es einige meiner Kollegen und Kolleginnen. Ich leide unter der Abwesenheit des Wortes. Sie ist wie ein kalter Entzug. Ich muss sie vermeiden, alles daran setzen.

Meine Beziehung zur Poesie ist obendrein eine besondere. In jungen Jahren, in denen ich in tiefster Verzweiflung zubrachte, hatte sie mir einmal das Leben gerettet, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Verse von Charles Baudelaire haben mich wieder am Leben andocken lassen.

„J’aime de vos longs yeux la lumière verdâtre,
Douce beauté, mais tout aujourd’hui m’est amer,
Et rien, ni votre amour, ni le boudoir, ni l’âtre,
Ne me vaut le soleil rayonnant sur la mer.“

Dies ist eine Strophe aus dem Gedicht „Chant d´automne“ aus den Fleurs du Mal. Im Französischunterricht war sie mir damals begegnet. Alle Schönheit der Poesie fand sich darin und ein gangbarer Weg, der in kostbare Zwischenräume führte, die das Leben trotz allem lebenswert machten. Die wichtigste Übersetzung dieser Verse lag für mich in dem Satz: „Ich will leben.“ Vielleicht geht es mir damit so bis heute, wo Tod und Krankheit naturgemäß näher rücken, wenn sie mich nicht schon erreicht haben. Der Verfall, die größte Dynamik des Stirb und Werdens, er wird auch breiten Raum einnehmen in meinen Texten. Und er ist gut, wenn er Poesie wird.

Kerstin Fischer

3 Kommentare zu „Werkstattbericht

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