Werkstattbericht II

Es ist eine gute Zeit für Gedichte hier im Lyrikatelier. Gesundheitlich angeschlagen, kann ich diesen Ort auch in den nächsten Monaten kaum verlassen. Die Gedichte geben mir trotz allem ein wunderbares Lebensgefühl, wenn sie aus meinem Innersten strömen.

In den letzten Tagen habe ich Vorträge von Gottfried Benn auf Youtube Kanälen gehört, Vorträge über Dichtung, Dichter (leider vergaß er die Dichterinnen) und Kunst. Vieles davon konnte ich annehmen. Vieles aber auch gar nicht. Das hat mir einmal mehr gezeigt, dass jeder schöpferische Prozess etwas ganz Individuelles ist und sich von niemandem enttarnen lässt, auch von dem, zwar umstrittenen, aber dennoch zweifellos großen Dichter Benn nicht. Immer hat dieser Prozess ganz eigene Gesetze, wie die in die Hand notierten Lebenslinien. Jeder kann da nur von sich beschreiben, wenn er es denn überhaupt beschreiben kann, was da in seinem Innersten wächst, wie die Verwicklungen, Verzweigungen und die hungrigen Wortströme Richtung und Komposition gewinnen, um das erlösende Meer der Poesie zu erreichen. Ich glaube auch, dass andere diesen Prozess durch subjektive Kommentare sehr behindern können. Deshalb halte ich auch nichts von Lyrikworkshops oder, schlimmer noch, Lyrikkursen, bestenfalls können hier Impulse gegeben werden, aber auch das ist schon gefährlich und kann den eigenen Klang verwässern. Deshalb sind, denke ich, auch Lektorate mit sehr viel Vorsicht zu genießen, in denen lyrische Texte bearbeitet werden. So sehr sich der Lektor oder die Lektorin auch auf den jeweiligen Text einzustimmen vermag, er oder sie werden nie die tiefen Ebenen, Seelenbewegungen und Textundinen erreichen, die den Dichter oder die Dichterin dazu bewegten, die Worte so oder so zu wählen. Wie können sie da angemessen beurteilen?

Dichten ist eine ganz einsame, intime Sache. Und darin gerade liegt eine große Schönheit, die völlig unberührt ist. Das ist für mich das Faszinierende. In diesen Tagen fließt diese Schönheit in den Winter vor meinem Fenster, die Blutsbrüderschaft mit den kahlen Zweigen, aus der Tage und Nächte wachsen, schwer und schillernd verrückt.

Graphit auf Papier. Kerstin Fischer 2020

4 Kommentare zu „Werkstattbericht II

  1. es gibt einen schönen text von inger christensen übers dichten. ich habe gerade mal danach gesucht, doch leider nicht gefunden. vielleicht stößt du ja irgendwo darauf. ich wünsche dir gute besserung und angenehmes (frei) fließendes dichten. liebe grüße, m.

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