Mahagonilicht

Auf den Salzstraßen lederner Meere

bau ich mein Haus

klein und rund

in den Bewegungen sommerwärts

letzter Schnee auf der Terrasse

und ihren Träumen aus Terracotta

in anderen glücklichen Umständen

Ich lausche der Oleanderblüte

die die Gedichte aus den Wintersteinen befreit

zur Heimkehr der Meisen

suchen die Raben vergeblich nach Eissamen

am Fuß der Nächte

verglühende Trolle

Ich trenne die schwangeren Ziffern aus den Blättern

Sie gebären weiße Zeiten in Mahagonilicht

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Gedicht und Aquarell copyright Kerstin Fischer

Frucht für Frucht

Der Wind in deinem Körper berührt meine Mohnblume

in den Bewegungen des Sommers

duftende Gräser auf unserer Nachthaut

und ihren oliven Gesängen

die getrockneten Trauben zerfallen zu Licht

Frucht für Frucht aus gestern und morgen

aber die Ernte ist jetzt

süßer Geschmack auf unseren Zungen

die neue Wörtern erfinden für die Farben in den Sekunden

Gedicht und Aquarell copyright Kerstin Fischer

Großstadtkosmogonie

Der von Henning Kreitel in diesem Jahr vorgelegte Lyrikband „im stadtgehege“ ist beunruhigend schön und scheint wie im Fieber geschrieben. Er ist hitzig im besten Sinne. Ganz unmittelbar sprechen die zumeist kurzen Gedichte zu uns. Sie sind ergiebig, kompakt, treffsicher, dabei weithin herrlich dicht und höchst poetisch. Großstadtszenarien in all ihren Vibrationen stehen dabei im Fokus, die „regenbrünstige stadt“ mit ihren „blitzstöße(n)“ im „trocknen straßenschoß“, „/wieder und wieder ins Ziel/“.

Der Anblick eines Kaugummis auf dem Bürgersteig veranlasst zum Entwurf einer Kosmogonie: „/breitgetretenes firmament / ein frischer Stern /zieht fäden unterm schuh/. Die Sprachbilder sind eindrücklich und lassen staunen, auch wenn „dürre Äste“ „schlapp Applaus“ „zittern“, denn Kreitel gelingt eine spannende Gewichtung, bei der die Natur zur Randgruppe wird, agil zwar, aber ausgegrenzt vom Geschehen. Damit haben sich der Städter und die Städterin zu arrangieren. Was bleibt in der bedrängenden Metropole – Berlin vielleicht -, die Sehnsucht nach Wiesen und Wald. Sie findet ihren blauen Ausdruck in den dem Gedichtband beigegebenen Cyanotypien, die der Lyriker, der auch Fotograf ist, selber erstellt hat.

Oder wird hier eine Gegenwelt geschaffen, fernab der „verlockenden Möglichkeiten“, mit denen das lyrische Ich seine „leere“ füllt? Dabei ist Melancholie gar nicht mal zu spüren in den Texten, eher wird das Bedrohliche schriller, lauter Künstlichkeit beschrieben, das dennoch eine gewisse Faszination hat: „/ein augenblick/entscheidet/raubtier oder beute/. Das euphorisiert.

Und diese Faszination sorgt auch für Geborgenheit, Geborgenheit inmitten von Reizüberflutung, die eigentlich für permanente Überforderung sorgt. Ein Paradox, das Kreitel meisterhaft in seinen Gedichten inszeniert. Pseudoindividualität gehört dazu: „das urteil spreche ich / mit alufolienhelm und / frettchen an der leine /.  

Man hat es hier mit einem wirklichen Dichter zu tun, der mit wenig Raum auskommt, um große Zusammenhänge in fein vibrierenden Schattierungen und Überlagerungen zu erfassen, breite Linien auf Punkte zu verengen, die sich einprägen. Das ist eine Art von Lyrik, die ich besonders liebe.  

undefined .      im stadtgehege, Henning Kreitel, Mitteldeutscher Verlag 2020, Halle (Saale)                                            

Blaues Glas

Ich habe Nacht vergossen auf deinem Pergament

in weichen schönen Linien geträumter Flächen

deine Stille berührt

in hellroten Tagen mit anthraziter Musik

stummes Gleiten des weißen unter den schwarzen Schwänen

in enge Zimmer mit Nägeln in den Seelen

nun öffne ich das blaue Glas der Fenster

zur Sonne hin

Du willst mich wachsen sehen

Salzlicht

Ich singe mit dem Boden und esse mit dem Wind

und liebe dich in der See. Die warme Erde –

Salzlicht auf meiner Haut.

Sie malt mich in ihr Bild inmitten der grünen Feuer

bis meine Winterschritte zu Sommer werden.

Ich horche an den Erdbeergerüchen und gebe

den Schwalben ein Stück meiner Empfindsamkeit.

Dann lese ich die Geschichten unter den Steinen, die von früher erzählen.

Vor hunderten von Jahren hat sie ein Mensch berührt.

Ich hebe seinen Traum von Lavendel (vielleicht)

und lege meinen von Mohn dazu.

Ich bin hier Traum in hunderten von Jahren. Wer wird mich heben?

Seide und Erde

Meine Heimat ist

auf dem violetten Seidenpapier

in dem Licht in mir, das das Dunkel erzeugt.

Ist in den Wörtern, den Fischbeständen des Geistes,

die durch Täler schwimmen und Apfelbäume setzen,

inmitten von Sargträgern und Clowns,

Kinderlachen und den Klagen der Greise in Archangelsk,

Vietnam und Lissabon.

Ist das Fieber der Erde in meinen

Sätzen, die zu Seevögeln werden über der Isle of Skye.

Ist die grüne Weide meiner Gedanken mit ihren

Müttern aus Krieg und Frieden.

Aber erst wenn der Tod stirbt am Leben, bin ich gerettet

in meinem Gedicht,

meiner Heimat.

In mir.

In dir.

Für dich

in Feuerland.

Mit meinen Wörtern aus Seide, die nach Erde riechen.

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