Lyriktagebuch Frühjahr 2020

Die Stille spricht mit den Blüten der japanischen Kirsche,

vor deinen Horizonten, in den Linien der weißen Vögel

aus den durchwachten Träumen.

Dort gleitet die Freude am Milchglas der Regenbögen

von dir zu mir, von dir zu uns;

von uns in das zärtliche Ungewisse.

Erdenblindheit mit Liebe rotgetupft.

Die Frage nach dir –

Ich zeichne sie in schönen Formen,

ganz unzuverlässig.

Gedicht und Aquarell copyright Kerstin Fischer

Lyriktagebuch Frühjahr 2020

Ich breche ein Stück Leben aus dem Garten.

Im Komplott mit der Kirschblüte

hole ich meine Träume von den roten Segelschiffen,

um sie mit dem Geschmack nach Birkenrinden zu nähren.

In mir tanzen Apfelkerne, munter wie Seeschwalben.

Ich rieche nach Apfel für einen Tag

und flicke zerissene Netze kraft meiner Frucht

an den Ästen der Sonne,

die gespiegelte Wege baut, auch noch aus meinem letzten Atem,

der sich wieder nach dir sehnen wird.

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Gedicht und Aquarell copyright Kerstin Fischer

Lyriktagebuch Frühjahr 2020

Über dem heißen Mittagsmoos

die schwangere Süße meines Zerfalls

in weißen Minuten

zwischen den Schenkeln der japanischen Kirsche

die Flügelschläge der blauen Schmetterlinge

neu und ruhig aus fremden hellen Häusern

in die meine Schritte fließen

denn ich komme aus dem Regen

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Blutlicht. Aquarell und Gedicht copyright Kerstin Fischer

Patiencen

Die dunklen Fäden des Feldes lösen sich aus dem Stoff

unter meinen Morgenschritten

das Schweigen des Nachtstaubs

Es tropft in die Stille der Sonne

am Hang der Absicht erfundener Flieder

aus einem fremdgewordenen Frühling

Ich bin scheu geworden vor dem Blut der Schatten

verbleibe im Atem deiner Linie

und pflücke die Treue aus dem Garten

indigo und hellwach

zwischen weichen wissenden Gräsern

in den Patiencen der Schönheit

copyright Kerstin Fischer

Lieder Von Derselben Erde

Preise, Ehrungen, Renommee, ich verzichte auf meinem Blog, davon etwas ins Spiel zu bringen, wenn ich Lyrikbände bespreche, die mir besonders gefallen. Einzig der unmittelbare Text ist mir wichtig. Nichts anderes soll diesen Eindruck vernebeln. Deshalb werde ich auch zu David Harsents diesbezüglich nichts weiter schreiben, nur zu dem Mann der „Songs from the Same Earth“, jenen Zyklus über eine Frau am Rande des Zusammenbruchs, gedichtet hat.

Dieses einzigartige Werk kommt einem Gebilde aus kostbarem, höchst zerbrechlichen Porzellan gleich, um das der Dichter stets bemüht scheint, es nicht ganz zu zerstören – wenn es dazu auch nur eines winzigen Hauchs bedürfte. Vielmehr stellt er es in einem kalten, dunklen Keller ab. Diesen alles zerstörenden Hauch in der Schwebe zu halten, ist eine lyrische Meisterleistung, die Hochachtung verdient. Sind wir es doch gewohnt, die Dinge zu Ende zu denken: „Wird sich dein Leben niemals um dich niederlassen – wirst du gefunden / beim Abendrot im Dunkeln, ein Platz gedeckt für den ungeladenen Gast – // sein Appetit bestimmt, deine Seide mit Blut zu beflecken / und das Salz zu verstreuen? / Später wird Wind aufkommen, //“

Harsent schöpft aus diesem Dunkel, aber nicht ohne seine Schönheit zu vernachlässigen, die ins Morbide abgleitet, dem er sie aber nie ganz überlässt: „Du tratst die Reise an, als Dämmerung nahte: / ein langsames, tiefes Leuchten, blutsverwandt dem Tod. //“ Zwischen Beklemmung und Befreiung gleitet der Lesegenuss. Alles scheint ohne das Transzendente auszukommen und vermisst es doch unendlich. Als flutet eine unsichtbare Sehnsucht danach: „bis die frühe Dunkelheit dich weckte? / „

Das Phänomen der Verzweiflung bedeutet auch das totale Zurückgeworfensein auf sich selbst. Die Leidende überantwortet sich ganz sich selbst. Die Verse sind wie Sargträger dessen: „Ein Raum von Mündern, die deinen Namen formten, sagtest du; / dann ein Käfig aus Glas, wo dein Bild zu dir selbst gerann.“

In dem feinsinnigen Lyriker Ludwig Steinherr hat Harsent einen passenden Übersetzer gefunden. Wer seine Gedichte kennt, weiß wie sehr er feinste Vibrationen in Sprachbildern unterzubringen versteht. Die zweisprachige Ausgabe, die uns der Allitera Verlag im Rahmen seiner Reihe Lyrik Edition 2000 angedeihen lässt, ist somit die Frucht einer sehr glücklichen Verbindung. Nicht von jeder Lyrikübersetzung kann man das behaupten.

Lieder Von Derselben Erde. Aus dem Englischen von Ludwig Steinherr. Lyrik Edition 2000, Allitera Verlag, München 2019

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Mahagonilicht

Auf den Salzstraßen lederner Meere

bau ich mein Haus

klein und rund

in den Bewegungen sommerwärts

letzter Schnee auf der Terrasse

und ihren Träumen aus Terracotta

in anderen glücklichen Umständen

Ich lausche der Oleanderblüte

die die Gedichte aus den Wintersteinen befreit

zur Heimkehr der Meisen

suchen die Raben vergeblich nach Eissamen

am Fuß der Nächte

verglühende Trolle

Ich trenne die schwangeren Ziffern aus den Blättern

Sie gebären weiße Zeiten in Mahagonilicht

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Gedicht und Aquarell copyright Kerstin Fischer

Frucht für Frucht

Der Wind in deinem Körper berührt meine Mohnblume

in den Bewegungen des Sommers

duftende Gräser auf unserer Nachthaut

und ihren oliven Gesängen

die getrockneten Trauben zerfallen zu Licht

Frucht für Frucht aus gestern und morgen

aber die Ernte ist jetzt

süßer Geschmack auf unseren Zungen

die neue Wörtern erfinden für die Farben in den Sekunden

Gedicht und Aquarell copyright Kerstin Fischer

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